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weihnacht 15

ausgesetzt und urverbunden


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Freundinnen,
 
oft spricht der geistliche Mensch von der anmutigen Armut der Krippenszene. Als sehne er sich nach der Reinheit des Seins ohne Bankkarte und Fertigbrei. Aber so leicht kommt man hinter die eigene Sattheit nicht zurück: Wie spricht man also von etwas, das man – Gott sei Dank -  selber kaum erlebt hat?
Vielleicht hilft  dieses Video Ansichten zueinander zu stecken. Das Archaische der Szenen erlaubt plötzlich den anderen Blick.
Vielleicht spült uns ein ungehobelter Gottesgeist diese Menschen vor die Kirchentür, etwas Großes und Rauhes, mit dem wir zum Fest der Lichter nicht gerechnet hatten.
Vielleicht ist es die Spur für eine neue  Bedeutung von Kirche.
 
Ist Kirche das Modell einer neue Weltgemeinschaft, die ‚das Nationale‘ überwunden hat?
So sehr ‚die Nation‘  auch half, Menschen ein Recht auf unbeschädigtes Leben und Lernen zu geben, so durchscheinend wird dies Konzept im Moment. Alle werden irgendwie für einen Moment zu Grenzgängern, wir Bleibenden doch auch, die wir fest angestellt, festgestellt oder feste gläubig sind. Die Herzen vibrieren, denn jeder ahnt, dass etwas Größeres ansteht, das wir nicht überblicken.
 
Am Ende wären wir alle auf einmal, was wir als nackt Geborene immer waren: Ausgesetzt ins Sein, ausgesetzt den Blicken, der Willkür einer Laune, dem Atem, einer zarten Hand. Darin  diesem Christus ur-verbunden. Ausgesetzter Gott. In ihm eine neue Nation aus verbundenen Ausgesetzten. Allüberall. Das ergäbe Sinn, denn es zeigt den fließenden Untergrund der scheinbar sicheren Konstrukte. Eigenartig aufgehoben wären wir mitten im Unbehausten.
Davon wäre zu sprechen in aufgerauhten Nächten.
 
Unten noch kleine Hinweise für Ihre Weihnacht. Und Sie kennen ja auch unsere Materialseite, da gibt’s mehr, und auf unserer facebook-Seite  findet man ständig Aktuelles, auch von anderen.
 
Nun macht die Türen weit, es kommt, was kommen will und ein Versprechen mitbringt.
Fürchtet euch nicht.
 
Es dankt für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Mit-Sein im ausgehenden Jahr
und grüßt
Ihr gottesdienst institut nordkirche
Anne Gidion, Friederike Jaeger, Thomas Hirsch-Hüffell
www.gottesdienstinstitut-nordkirche.de
 
 
 
 
Maria
Maria klettert aus der Reihe der Buchstaben des dicken Buches heraus, zieht sich das Kleid zurecht und geht wie jeden Abend in das kleine Hotel am Bahnhof. Sie wird dort zwischen zwei milchig gelben Lampen hinter der Rezeption sitzen und verliebte Paare, Betrunkene und Geschäftsleute empfangen. Bis morgens um sechs.
Es kommt ein kleiner Junge allein ins Foyer. Der wohnte schon letzte Woche mit seiner Familie hier - Flüchtlinge aus Afghanistan. Er reicht kaum über den Tresen und spricht nicht. Bescheiden, aber bestimmt tritt er heran und legt einen Euro auf den Tisch. Maria schaut in seine tiefschwarzen Augen, und sie sieht auf einmal etwas - als schaue ein uraltes Wesen aus ihm heraus. Sie erschrickt ein wenig. Beide schauen für eine Ewigkeit ineinander hinein. „Was möchtest du?“ – Der Junge zeigt am Tresen vorbei in Richtung Speiseraum. Er geht ein paar Schritte um den Tresen herum. „Willst du da hin? Hast du was vergessen?“ Er stellt sich vor die verschlossene Tür. Sie öffnet, und er tritt vor ihr ein. Sie macht Licht. Er geht in die Ecke am Fenster. Dort bleibt er stehen vor einem Holzengel, der an einer schmalen Kette von der Decke hängt. Schaut ihn an. Maria bleibt in der Tür stehen. Ihr kommen Tränen. Sie weiß nicht, warum.
So steht er dort und schaut empor. Nach einer Zeit beginnt er eine Melodie zu singen. Das erste Mal, dass sie seine Stimme hört, tief kehlig. Nicht Kind, nicht Erwachsener - ein Drittes. Stille. Dann spricht er etwas. Es klingt wie eine Litanei, etwas Auswendiges. Dann ein paar Namen.
Er rückt sich einen Stuhl zurecht, steigt drauf und tippt ganz fein gegen den Engel. Der beginnt leis zu schwingen. Stellt den Stuhl zurück und geht rückwärts aus dem Raum, wendet sich an der Tür um zu Maria. Sieht sie weinen. Er geht ein paar Schritte zurück, nimmt Anlauf und wirft sich mit ausgebreiteten Armen aus vollem Lauf gegen sie, sein Kopf liegt vor ihrem Bauch. Sie hält ihn. Er sie. So stehen Sie nun bis in Ewigkeit.
Am anderen Morgen kehrt Maria zurück aus der Rezeption in ihr altes Buch. Nimmt darin Platz in ihrer Kammer, wo sie den Engel treffen wird, der ihr sagt, was Gott mit ihr vorhat.
thh


Zu Titus 3,4-7 am ersten Weihnachtsfeiertag
eine kleine Meditation, den Versen entlang:
Gott ist gekommen. Er liebt uns, er will uns retten. Er lebt für uns, er stirbt für uns, er kommt wieder, er ist da.
Auf der anderen Seite: wir. Tun, was wir eben so tun. Verschenken Dinge. Essen und trinken zu viel. Oder: sind allein. Wären es gerne nicht. Bekommen Geschenke. Hätten gerne andere. Hätten das Fest gern anders, irgendwie. Haben uns verausgabt und sind jetzt pleite. Wissen nicht, wie das neue Jahr werden soll. Sind mit den falschen Menschen am falschen Ort und träumen von Menschen, mit denen wir nicht sein dürfen, an Orten, die es nicht gibt.
Schon passiert an Heiligabend.
 
Und mittendrin Gott. Der uns liebt. Der die beste Variante von uns sieht. Der lächelt, wenn wir straucheln.
Bei ihm sind wir schön. Durch ihn leben wir wie neu. Eine neue Geburt! Frisch wie nach einem Bad. Wie ein kleines Kind sind wir, das sich alles vorstellen kann: durch den Pazifik zu tauchen und auf Delphinen zu reiten.
So fühlt es sich an, wenn der Geist wirkt. Und den schenkt uns Gott. Wie warmes Wasser über den Kopf. So viel, wie nötig. Üppig und immer wieder.
So war Jesus. Sohn von Gott. Christus. Richtiger Mensch. Unser Retter.
Der ist geboren – das feiern wir Weihnachten. Er macht uns heil, damit unser Leben Leben werden kann – egal, was ist, gleichgültig, was vorher war.
Der lässt uns nicht springen über die Klingen unserer Entscheidungen.
Wir werden, was wir hoffen.
Was für ein Gedanke!
Was für eine Hoffnung!
Wie wäre es, den ersten Weihnachtsfeiertag mit der Titusbriefpassage im Zentrum als einen Tauferinnerungstag zu feiern? Bad der Wiedergeburt – wie kann sich das anfühlen, nicht nur am Ostersonntag, sondern auch zu Weihnachten? Ein Tauferinnerungsritual, die Gemeinde wandelt nach vorne, dort stehen Liturgen mit Wasserschalen oder am Taufbecken, und jede und jeder bekommt ein Wasserkreuz in die Hand mit den Worten: Christus ist erschienen. Du bist neu geboren.
 
So soll es sein. So klingt das Wort Gnade. So kann es sich anfühlen, noch einmal geboren zu werden. Jemand guckt mich an und meint nur mich. Jemand lässt sich lieben und fragt nicht, wofür.
ag

 
Den Kanon zur Jahreslosung
finden Sie hier.
 
 
Auf der Seite der EKD gibt
Materialien zum Thema Flucht und Gottesdienst.
 
 
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